Dezember 26 2025

Wer gewinnt die Herbstmeisterschaft?

Bundesweiter Vorlesetag 2025

Motto: Vorlesen spricht deine Sprache

Vorlesegeschichte ab 8 Jahren

Heute ist das große Finalspiel der Grundschul-Herbstmeisterschaft in Köln, ein richtiges Fußballspiel auf echtem Rasen mit Trikots, Fans und allem Drum und Dran. Jungs und Mädchen kämpfen gemeinsam um den Sieg. Wer heute gewinnt, darf die Schulregeln fürs nächste Halbjahr bestimmen!
Na gut, ganz so ist es nicht, aber ein besonderer Preis winkt trotzdem der Gewinnermannschaft.
Sie darf bei der großen Adventsfeier mitbestimmen. Und vor allem darf sie
entscheiden, wer das Weihnachtsmannkostüm tragen muss. Gerüchten zufolge
steht die Sportlehrerin ganz oben auf der Wunschliste unserer 4. Klasse. Aber auch die Finalgegner wollen den Sieg. Doch unsere Klasse will ihn ganz besonders.
Die Schüler haben hart trainiert, sind früh schlafen gegangen, hatten ein
gesundes Frühstück und sind jetzt mehr als bereit. Eigentlich sollte also nichts
schiefgehen, … wäre da nicht ein Problem.
Nummer 13.
Ihre stärkste Stürmerin sitzt verletzt auf der Bank. Was soll man sagen?
Manchmal läuft eben nicht alles nach Plan. Schauen wir uns die Nummer 13 mal etwas genauer an.
Sie liebt Sport, kennt alle Fußballtricks und ist auch sonst kaum zu bremsen.
Letzte Woche beim Fahrradfahren hat sie sich allerdings in einer Kurve überschätzt.
Das Vorderrad rutschte weg und der Bordstein war härter, als sie dachte.
Autsch!
Jetzt sitzt sie mit dickem Knie, Bandagen und Krücken am Spielfeldrand,
direkt neben der Sportlehrerin. Ihre Mitschüler stehen auf dem Rasen und geben alles, nur leider ohne sie. Obwohl ihre Mannschaft sich so ins Zeug legt, läuft es tierisch schlecht für sie, denn die Gegner spielen unfair. Sogar ganz schön unfair. Die Schiedsrichterin auf dem Platz hat ordentlich zu tun …
Unsere Nummer 8 schnappt sich den Ball und startet gerade durch. Ein
schneller Antritt, ein kurzer Haken, dann zieht sie am Gegenspieler vorbei und hat
nur noch zwei Meter bis zum Strafraum. Die Geschwister und Eltern auf der Tribüne
springen bereits von ihren Bänken. Doch gerade in dem Moment, in dem sie zum Schuss ausholen will, passiert es: Ein Bein schiebt sich von der Seite in ihren Laufweg. Nummer 8 stolpert, verliert das Gleichgewicht und segelt der Länge nach auf den Rasen.
Der Ball rollt ins Aus und sie selbst bleibt liegen.
Auf der Ersatzbank geht ein Raunen durch die Reihe, gefolgt von einem
empörten »Ey!«. Nummer 13 presst die Lippen zusammen.
Endlich hebt die Schiedsrichterin die Pfeife.
Nachdem sie die Rote Karte zeigt, geht das Spiel weiter. Auf der Tribüne wird
es ruhiger und auf dem Platz stellt man sich wieder auf. Doch der Spielfluss ist
dahin und unsere Mannschaft wirkt nervös. Die Pässe kommen nicht mehr so präzise,
die Laufwege sind plötzlich zu kurz. Oder zu lang.
Nummer 13 verfolgt jede Bewegung mit zusammengezogenen Augenbrauen.
Während ihre Krücken ordentlich an der Bank gelehnt stehen, rutscht sie selbst
immer wieder auf dem Sitz hin und her. »Wenn ich doch nur auf dem Spielfeld
wäre …«, murmelt sie.
Noch bevor sich ein neuer Angriff aufbauen kann, passiert es.
Das gegnerische Team hat einen Einwurf und der Ball fliegt in einem hohen
Bogen über das Feld. Unser Verteidiger läuft ein paar Schritte zurück, will ihn unter
Kontrolle bringen. Doch bevor er ihn erreicht, drängen sich zwei Gegenspieler an ihn
heran – einer von hinten und einer von der Seite.
Nummer 13 schnauft auf der Bank.
Der Verteidiger sieht so eingeklemmt aus wie ihre Schulbücher an einem Montagmorgen im Rucksack. Die Sportlehrerin reißt die Hände über dem Kopf zusammen, genau wie die halbe Ersatzbank. Unser Verteidiger verliert das Gleichgewicht, strauchelt und fällt. Der Ball kullert an ihm vorbei. Blitzschnell schnappt einer der Gegner sich ihn und dribbelt weiter.
Die Schiedsrichterin hat es gesehen, sie hebt die Pfeife. Nach kurzem Zögern
greift sie in ihre Tasche und zückt die Gelbe Karte. Auf der Tribüne gibt es Beifall, aber eher verhalten. Auch auf der Ersatzbank herrscht mehr Schweigen als Erleichterung. Denn wenn sich jetzt nichts tut, war es das mit dem Weihnachtsmannkostüm. Nummer 13 starrt aufs Spielfeld und trommelt mit den Fingern auf den Krücken.
Unsere Nummer 10 bekommt den Ball, dribbelt durch die Mitte, weicht zwei Gegenspielerinnen aus. Dann spielt sie einen Pass, bekommt ihn zurück und ist plötzlich frei vor dem Tor. Alles sieht nach einer Entscheidung aus.
Käme nicht ein Spieler aus dem anderen Team angerauscht – mit voller Geschwindigkeit, aber ohne jede Rücksicht. Nummer 10 wird von der Seite abgeräumt. Sie bleibt liegen, während der Ball wegrollt. Die Mitschüler auf der Ersatzbank fahren erschrocken hoch.
»Das gibt es doch nicht!«, ruft jemand.
Nummer 13 greift nach ihren Krücken und springt auf. »Ich kann spielen! Nur zehn Minuten, bitte!«, sagt sie zur Sportlehrerin.
Die schüttelt den Kopf. »Du weißt, dass das nicht geht.«
Nummer 13 schaut sie flehend an. »Sie sagen doch immer: alle oder keiner! Bitte lassen Sie mich spielen!«
Die Sportlehrerin legt ihr seufzend die Hand auf die Schulter. »Genau deshalb. Alle oder keiner heißt auch, wir passen aufeinander auf. Gesundheit geht vor.«
Nummer 13 sagt nichts mehr. Ihre Hände zittern ein wenig, dann lässt sie sich langsam zurück auf die Bank sinken.
Währenddessen starren alle zur Schiedsrichterin.
Und merken erst jetzt, dass dort so gar nichts passiert. Die Schiedsrichterin hat die Pfeife gesenkt, den Kopf leicht zur Seite geneigt und die Stirn gerunzelt. Ihr Blick wandert über den Rasen, jedoch nicht zu den Spielern, sondern auf etwas weiter hinten. Ein paar Eltern und Geschwister folgen ihrem Blick und plötzlich sehen es alle.
Ein Geißbock läuft quer über das Spielfeld.
Nicht das Bild eines Geißbocks auf einem Trikot oder ein Maskottchen auf zwei Beinen, sondern ein echter. Braunes Fell, lange Hörner und ein entschlossener Blick, der keinen Zweifel lässt: Der hier wird das Spielfeld nicht freiwillig räumen.
Und weil niemand den Namen unseres Rasenflitzers kennt, nennen wir ihn einfach mal Hennes. Die Eltern und Geschwister auf der Tribüne johlen. Die Schüler auf dem Spielfeld lachen, zeigen und tuscheln, weichen aber allesamt ein paar Schritte zurück. Gab es eben noch ordentlich viel Körpereinsatz, hat jetzt plötzlich niemand mehr Lust auf einen Zweikampf.
Gegen Hennes geht keiner in die Grätsche.
Der Geißbock trabt gemächlich über den Mittelkreis, bleibt kurz stehen und meckert in Richtung gegnerisches Tor. Die Schiedsrichterin pfeift einmal, zweimal, dann gestikuliert sie, aber Hennes bleibt völlig unbeeindruckt. Er trottet weiter, geradewegs in den gegnerischen Strafraum. Und dort bleibt er stehen, wie bestellt und nicht abgeholt.
Die Schiedsrichterin ruft beide Trainer zu sich und sie beraten sich mit Blicken und viel Achselzucken.
»Das Spiel kann so nicht weitergehen«, sagt die Schiedsrichterin.
»Aber abbrechen wollen wir es auch nicht«, sind sich die Trainer einig.
Nummer 13 richtet sich auf. »Wir brauchen einen Plan!«
Nur dumm, dass es keinen Notfallplan für Geißböcke mit eigenem Kopf gibt. Die Situation ist verzwickter als die letzte Mathearbeit und das will was heißen.
Dann hebt jemand die Hand, es ist der Hausmeister. Er läuft auf den Platz mit einer Papiertüte in der Hand, aus der etwas Orangefarbenes hervorblitzt. »Ich versuche es mal auf die klassische Tour, mit Futter«, sagt er und zieht eine Bio-Karotte aus der Tüte. Der Hausmeister winkt mit der Karotte. »Na komm, Junge! Möhrchen? Ganz frisch vom Acker und extra knackig!«
Hennes hebt den Kopf, schnuppert und macht zwei Schritte, allerdings zur Seite. Die Karotte wurde abgelehnt.
Jetzt versuchen es alle.
Zwei Spieler schleichen sich von links an, die Schiedsrichterin kommt von rechts und der gegnerische Torwart marschiert sogar geradewegs auf Hennes zu. Doch kaum nähert sich jemand zu sehr, senkt Hennes leicht die Hörner und fixiert den Störenfried mit glühendem Blick. Er fühlt sich bedrängt.
Und ganz ehrlich, wer würde sich wohlfühlen, wenn plötzlich alle gleichzeitig
auf einen zukommen?
Die Schiedsrichterin hebt die Hände. »Stopp! So geht das nicht.«
Alle schauen sich hilflos an. Hennes steht seelenruhig im Strafraum und schaut über den Platz, als hätte er nicht die geringste Absicht, sich jemals wieder zu bewegen.
Nummer 13 grübelt.
Sagt ihre Oma nicht immer, dass Tiere gerne sanfte Stimmen hören? Bei
ihrem Hamster klappt es schließlich auch. Der schläft immer ein, wenn sie ihm ihre
Hausaufgaben vorliest. Sie schaut auf ihren Rucksack, dann auf Hennes und dann
zur Sportlehrerin. »Darf ich etwas ausprobieren?«
»Solange du mir versprichst, nicht aufzustehen.«
Nummer 13 nickt eifrig und zieht ihr Lieblingsbuch aus dem Rucksack. Der Einband ist ein bisschen zerknickt, aber das ist egal. Sie schlägt die erste Seite auf und holt tief Luft. Dann beginnt sie mit ruhiger Stimme vorzulesen, Wort für Wort und Satz für Satz.
Und wisst ihr was? Hennes Ohren zucken.
Er dreht sich langsam um und trottet genauso ruhig, wie Nummer 13 vorliest, auf sie zu. Währenddessen sind alle anderen mucksmäuschenstill, sowohl auf dem Spielfeld als auch auf der Tribüne. Als er ein paar Schritte vor der Ersatzbank mit halb geschlossenen Augen stehen bleibt, als würde er tatsächlich zuhören, pfeift die Schiedsrichterin.
Das Spiel kann endlich weitergehen.
Und plötzlich läuft alles, unsere Mannschaft spielt wie ausgewechselt: Die Pässe kommen an, die Laufwege stimmen und sogar ein Übersteiger klappt, den sie erst letzte Woche eingeübt haben. Doch es fehlt immer noch das Siegtor und es sind nur noch drei Minuten auf der Uhr.
Da bekommt unsere Nummer 10 den Ball, zieht ab und … versenkt ihn im gegnerischen Tor! Die Tribüne bebt und die Ersatzbank springt auf.
Und Hennes?
Der meckert kurz, aber irgendwie klingt das ziemlich zufrieden. Schließlich liest ihm Nummer 13 immer noch aus ihrem Lieblingsbuch vor.
Als der Schlusspfiff ertönt, ist es entschieden: Unsere Mannschaft hat die Grundschul-Herbstmeisterschaft gewonnen. Nummer 13 klappt ihr Buch zu. Ihre Hände zittern ein bisschen, diesmal allerdings nicht vor Aufregung, sondern vor Freude.
Die Sportlehrerin beugt sich zu ihr. »Alle oder keiner, manchmal braucht es nicht nur Tore, sondern auch eine Stimme.«
Nummer 13 kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Sie wissen schon das mit dem Weihnachtsmannkostüm?«
Die Sportlehrerin lacht. »Ich habe es mir fast gedacht.«
Bevor die Spieler in den Umkleidekabinen verschwinden, hebt die Schiedsrichterin noch ein letztes Mal die Hand. »Beim nächsten Spiel möchte ich übrigens auch, dass mir jemand etwas vorliest. Zum Runterkommen!«

Text: Tamara Robles