Oktober 18 2021

Echte Piraten

(Vorlesegeschichte ab 5 Jahren)

Als die Glocke zur Pause schellt, läuft Sarah mit Riesenschritten raus auf den Schulhof. Ihre kirschrote Jacke flattert im Wind. Sarah rennt auf den Sandkasten zu, erst direkt vor dem hölzernen Piratenschiff hält sie an. Hinter ihr steht Freddy aus der vierten Klasse, sonst ist noch niemand im Sandkasten. Aufgeregt schaut Sarah am bunten Segel hoch. Seit ihrem ersten Schultag träumt sie davon, den Mast hochzuklettern, um sich oben in den Ausguck zu setzen. Von dort aus will sie den anderen Kindern beim Spielen zusehen und sich vom Wind die Nase kitzeln lassen. Wie eine echte Piratin!

Gestern war ihr siebter Geburtstag, deshalb will sie es nun endlich schaffen. Wild entschlossen läuft sie die kleine Rampe hoch auf das Deck des Piratenschiffs. Mit feuchten Händen greift sie nach den kleinen Holzplanken, die quer über den Mast verlaufen. Erst mit der rechten, dann mit der linken Hand. Danach sind die Füße dran. Rechter Fuß, linker Fuß. So schwer ist das doch gar nicht! Warum bloß hat sie sich vorher nie getraut? 

Mutig macht sie weiter: rechte Hand, linke Hand, rechter Fuß, linker Fuß. Eigentlich läuft es ganz gut, doch dann passiert es: Sarah rutscht mit dem linken Fuß ab und – PLATSCH! Wie eine Flunder landet sie auf dem Holzdeck. 

Oh je, hoffentlich hat das niemand gesehen. Sarahs Popo brennt. Als sie aufstehen will, hört sie eine Stimme hinter sich: „Das Schiff ist nichts für Babys! Nur für echte Piraten!“ Freddy, den Sarah schon oft auf dem Ausguck gesehen hat, hüpft lachend die Rampe hoch. „Sarah ist ein Baby! Sarah ist ein Baby!“, singt er.

Das stimmt nicht. Sie ist kein Baby!

Trotzdem hört Freddy nicht auf, sie zu ärgern. Mittlerweile ist der Sandkasten voller Kinder. Alle lachen über sie. Sarah spürt, wie sie rot wird – wahrscheinlich hat ihr Gesicht die gleiche Farbe wie ihre Jacke. Weil sie nicht weiß, was sie tun soll, springt sie auf und läuft davon. So schnell, als ob die Oma mit einem Teller Rosenkohl hinter ihr her wäre. 

Sarah rennt die Rampe hinunter, durch den Sandkasten an den lachenden Kindern vorbei und immer weiter, bis sie schnurstracks in die Beine von Hausmeister Willi läuft. Der fegt gerade den Pausenhof. 

„Na, na, so eilig?“, brummt er. Sarah schaut hoch und Hausmeister Willi schaut zu ihr herunter. „Warum weinst du denn?“, möchte er wissen. Sarah zieht die Nase hoch. „Freddy hat mich ausgelacht.“ Sie wischt sich mit dem Jackenärmel die Tränen weg. Und wo sie schon mal dabei ist, wischt sie sich mit dem Ärmel über die ganze Nase. 

„Und deshalb läufst du weg?“ Der Hausmeister kratzt sich am Kopf, wobei seine Mütze verrutscht. „Wenn du ihm nicht sagst, dass er damit aufhören soll, wird er immer weitermachen.“ Er schiebt die schiefe Mütze wieder gerade und fegt weiter. 

Sarah ist kein Baby, sondern eine Piratin! Sie möchte unbedingt auf den Ausguck. Vielleicht klappt es, wenn Freddy sie nicht sieht. Zumindest kann er sie dann nicht auslachen.

Vorsichtig schleicht sie sich von der Seite an das Piratenschiff heran. Doch gerade als sie einen Fuß auf die Rampe setzt, ertönt Freddys Stimme hinter ihr: „Pass auf, du Baby! Gleich fällst du wieder runter!“ Freddy lacht und sofort lachen die anderen Kinder mit. Er macht einen riesigen Satz auf Sarah zu und baut sich vor ihr auf. Er will einfach nicht aufhören, sie zu ärgern. Prompt kullern Sarah dicke Tränen über die Wangen. Als Freddy das sieht, springt er vor ihr auf und ab und japst: „Heulsuse, Heulsarah! Heulsuse, Heulsarah!“ 

Das ist zu viel! 

„Hör auf damit!“, ruft Sarah wütend.

Freddy schaut sie mit großen Augen an. Bis jetzt hat bestimmt noch nie jemand zu ihm gesagt, dass er aufhören soll.

„Ich will nicht, dass du mich ärgerst!“ Entschlossen macht Sarah einen Schritt auf ihn zu und Freddy macht verdutzt einen Schritt nach hinten. Dabei passiert es: Er stolpert über einen Eimer und landet – PLATSCH! – mitten im Sand. Jetzt ist sein Kopf so rot wie Sarahs Jacke – nämlich kirschrot –, seine Augen sind rund wie zwei Äpfel und sein Mund steht offen, als ob eine ganze Orange darin stecken würde. Nicht einmal mehr japsen kann er.

„Der Sandkasten ist nichts für Babys! Nur für echte Piraten!“, ruft Sarah und macht sich daran, den Mast hochzuklettern. Plötzlich ist es ihr egal, ob Freddy oder jemand anderes sie auslacht. 

Echte Piratinnen und echte Piraten lassen sich nämlich nicht ärgern. Aber weinen dürfen sie manchmal schon!

Text: Tamara Robles

Lektorat: Alexandra Fauth-Nothdurft
https://www.lektorat-fauth.de

Illustration: Dennis Bügüs
https://debuero.com

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Veröffentlicht18. Oktober 2021 von Tamara in Kategorie "Erzählschätze

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