Dezember 26 2025

Auf der Suche nach Europa und der Welt

Bundesweiter Vorlesetag 2020

Motto: Europa und die Welt

Vorlesegeschichte ab 6 Jahren

Es ist Freitag Morgen, doch in der Schule herrscht eine merkwürdige Stille. Zwar stehen in allen Klassenzimmern Tische und Stühle, aber kein einziger Schüler ist zu sehen. Auch nicht in der Klasse 4A. Nanu, was ist denn hier los? Haben die Schüler etwa vergessen, dass heute Unterricht ist?
Keine Sorge, niemand hat etwas vergessen. Es hat gerade zur großen Pause geklingelt. Und Pausen sind wichtig, das finden auch die Schüler der 4A. Deshalb sind sie alle draußen auf dem Schulhof. Dort spielen sie gerade den 1-Minuten-Sportler.

Ihr kennt das Spiel nicht? Dann erkläre ich es euch:
Ein Kind, heute ist es Lukas, macht eine Minute lang die Bewegungen einer Sportart vor und alle anderen machen mit. Ganz einfach.
Ich glaube, was Lukas da vormacht, soll Skifahren sein. Oder vielleicht Tennis? So ganz genau erkennt man es nicht.
Als Nächste ist Nele dran, sie springt Seil. Jetzt denkt ihr vielleicht: Eine Minute lang Seilspringen? Oje …
Aber ich kann euch versichern: Alle haben Spaß. Na gut, fast alle.
»Meine Mutter hat heute Morgen gesagt, dass wir in den Weihnachtsferien zu Hause bleiben«, sagt Max leise. Er schaut unglücklich in die Runde.
»Wir auch«, murmelt Carlotta. »Sonst fahren wir jedes Jahr zu meiner Oma nach Italien. Aber dieses Jahr geht das nicht.«
Die anderen nicken, denn jedem von ihnen geht es ähnlich. Dieses Jahr ist wirklich alles anders.
Letztes Jahr durften sie nach der Schule Freunde treffen, zum Training gehen oder zum Musikunterricht. Und in den Ferien konnte man verreisen, an aufregende, schöne Orte. Orte, über die man hinterher erzählen konnte. Aber dieses Jahr? Fehlanzeige.
»Wisst ihr«, sagt Max, »mir ist egal, dass ich mir dauernd die Hände waschen soll. Und auch, dass ich in die Armbeuge oder in ein Taschentuch niesen soll. Mir ist sogar egal, dass ich das Taschentuch danach wegwerfen muss, statt es wie früher in die Hosentasche zu stecken, um es den Rest der Woche zu benutzen. Aber dass wir nichts mehr unternehmen dürfen, … das finde ich echt blöd.«
Die Kinder schauen Max entsetzt an.
»Du hast dein Taschentuch eine ganze Woche lang benutzt?«, fragt Azra fassungslos.
»Na klar. Warum nicht?« Max zuckt mit den Schultern.
Ich verrate euch lieber gleich, wie es weitergeht, damit ihr euch nicht länger vorstellen müsst, wie Max’ Taschentuch am Ende der Woche aussah.
Lukas, den solche Sachen nicht aus der Ruhe bringen, meldet sich zu Wort. »Mein Vater sagt, wir spielen dieses Jahr Astronauten. Die können nämlich auch monatelang nicht raus, wenn sie im All sind.«
Max verzieht das Gesicht. »Ich will überhaupt nicht ins All. Ich will irgendwo hinfahren, wo es schön ist. Oder warm.«
»Ich auch«, sagt Azra. »Wir können nicht mal unsere Verwandten besuchen. Und da ist es immer am allerschönsten.«
Die anderen nicken.
»Ich glaube fast«, überlegt Nele, »dass jemand Europa und die Welt geklaut hat. Während wir zu Hause gesessen und uns gelangweilt haben.«
Die Schüler halten inne. Könnte das wirklich stimmen? Hat vielleicht in den letzten Monaten jemand Europa und die Welt gestohlen – und keiner hat’s gemerkt?
»Wir müssen uns die Welt zurückholen«, ruft Carlotta.
»Genau!«, stimmt Azra ihr zu.
Die Klasse ist nicht bereit, das einfach so hinzunehmen.
Auch Lukas ist dieser Meinung. »Wir haben eine Mission! Und jeder muss mitmachen. Alle oder keiner! Zusammen holen wir uns Europa und die Welt zurück.«
Die Klasse ist begeistert und jeder verspricht, mitzumachen.
Doch dann hebt Nele den Zeigefinger, so wie im Matheunterricht.
»Ich hätte da nur eine Frage«, sagt sie. »Wie genau wollen wir Europa und die Welt zurückholen?«
Hm. Eine durchaus gute Frage.
Darüber müssen die Schüler erst mal nachdenken.
Carlotta ist die Erste mit einer Idee: »Jeder beschreibt den Ort, an dem er am liebsten ist. Und so holen wir ihn uns zurück!«
Ein toller Vorschlag. Denn wenn man sich etwas ganz fest vorstellt, dann fühlt es sich fast so an, als wäre es wirklich da.
»Ich fange an!«, ruft Nele und stellt sich vor die Gruppe. Steif wie ein Brett geht sie von links nach rechts, dann wieder zurück und wieder hin. Die anderen schauen sie ratlos an.
»Bist du ein Zombie?«, fragt einer.
Nele seufzt. »Nein. Ich bin eine Mumie.« Sie formt mit den Armen ein Dreieck über ihrem Kopf. »Das ist mein Zuhause.«
»Dann weiß ich, wo du bist«, ruft jemand.
»Wartet, ich bin noch nicht fertig.« Nele malt mit der Hand zwei spitze Berge in die Luft.
Bis eben dachten alle, sie sei in Ägypten – wegen der Mumie und der Pyramiden. Aber die Berge? Die passen doch eher in die Alpen.
»Sind das Verkehrshütchen?«, fragt Carlotta.
Nele verdreht die Augen. »Nein, das ist ein Tier.«
Lukas schlägt sich gegen die Stirn. »Klar! Ein Kamel!«
Also doch Ägypten.
Die Mission geht weiter.
Lukas ist als Nächster dran. »Bonjour«, sagt er.
»Frankreich!«, ruft jemand.
Aber Lukas schüttelt den Kopf. »Nicht Frankreich, ein bestimmter Ort.« Er malt mit den Armen einen Turm in die Luft.
»Der Eiffelturm?«, fragt Azra.
»Nein …« Lukas läuft auf und ab und hält sich die Hände an die Stirn.
»Ich hab’s! Du bist im Disneyland Paris!«, ruft Max.
Stimmt, das waren Mickey-Mouse-Ohren.
Max weiß sofort, welchen Ort er zeigen möchte. Er streckt die Arme aus und gleitet über den Schulhof.
»Du sollst einen Ort zeigen, nicht ein Flugzeug!«, ruft Nele.
»Tu ich doch! Guckt mal, worauf ich sitze.« Max malt einen langen Strich in die Luft.
Lukas fängt an zu lachen. »Bist du etwa in Hogwarts?«

Carlotta schlägt die Hände vors Gesicht. »Jetzt sag nicht, dass du da schon mal warst!«
Max fliegt weiter auf seinem Besen. »Nö, aber es ist mein Lieblingsort.«
Gerade will der nächste Schüler mit seiner Vorstellung beginnen, da klingelt es zum Pausenende. Die Schüler müssen zurück in den Unterricht.
Doch Azra hält die anderen zurück. Sie hat noch etwas Wichtiges zu sagen: »Ich finde, wir sollten noch viel mehr Orte retten.«
Hier ist Azras Plan: Bis zu den Ferien werden die Schüler jeden Tag einen anderen Ort zurückholen.
Wie das gehen soll?
Ganz einfach: mit Fantasie.
Zum Beispiel kann man sich so anziehen wie an seinem Lieblingsort … oder so reden … oder ein Bild malen … oder ein Buch darüber lesen … oder davon träumen … oder sich einfach daran erinnern …

Es gibt viele Möglichkeiten, Orte zurückzuholen. Und irgendwann könnt ihr auch wieder dorthin reisen, versprochen!

Text: Tamara Robles