November 20 2020

AOK Vorlesegeschichte für den BWVT 2020

Zum Bundesweiten Vorlesetag 2020 habe ich für die AOK Rheinland/Hamburg diese Vorlesegeschichte geschrieben.
Sie eignet sich nicht nur zum Zuhören, sondern auch zum Mitmachen 🙂

Wer also möchte, kann an der Stelle mit dem Sternchen * interaktiv werden!

Mehr Tipps und weitere Spielideen findet ihr auf:

https://www.gesundmachtschule.de

Ich wünsche euch einen spannenden und unterhaltsamen Bundesweiten Vorlesetag 2020!

Eure Tamara


Alle oder keiner – Auf der Suche nach Europa und der Welt 

(von Tamara Robles) 

Wir befinden uns an einer Kölner Grundschule und obwohl es Freitagmorgen ist, sind alle Klassenräume leer. Es stehen zwar überall Tische und Stühle herum, aber kein einziger Schüler ist zu sehen. Auch nicht im Klassenzimmer der 4A. 

Nanu, was ist denn hier los?, könnte man sich jetzt fragen. 

Haben die Schüler etwa vergessen, dass heute Unterricht ist? 

Ich kann euch beruhigen, die Schüler haben den Unterricht nicht vergessen. Aber da es zur großen Pause geklingelt hat, befinden sich alle gerade auf dem Schulhof. Denn nicht nur der Unterricht, sondern auch die Pausen sind wichtig. 

Das finden auch die Schüler der 4A, deshalb sind sie draußen und spielen den 1-Minuten-Sportler. Wie, ihr kennt das Spiel nicht? Dann passt auf, ich erkläre es euch: 

Ein Schüler, in unserem Fall Lukas, macht eine Minute lang die Bewegungen einer Sportart vor und die anderen machen es ihm nach. Verstanden?

Ich glaube, bei dem, was Lukas gerade zeigt, handelt es sich um Skifahren. Könnte aber auch Tennis sein, so richtig kann man es nicht erkennen. 

Als Nächste ist Nele dran. Sie springt Seil. Jetzt denkt ihr bestimmt: „Eine Minute lang seilspringen? Oh je …“ Aber ich kann euch versichern, alle Schüler haben Spaß.

Das heißt, alle bis auf einen, aber das liegt nicht am Seilspringen. Max schaut unglücklich in die Runde.

„Meine Mutter hat heute Morgen gesagt, dass wir in den Weihnachtsferien zu Hause bleiben werden.“

„Wir auch“, schließt Carlotta sich an. „Sonst fahren wir jedes Jahr zu meiner Oma nach Italien. Aber meine Eltern sagen, dass es dieses Jahr nicht geht.“ 

Die übrigen Schüler der Klasse 4A nicken, denn jedem von ihnen geht es ähnlich. Dieses Jahr ist wirklich alles anders. 

Letztes Jahr konnte jeder von ihnen nach der Schule machen, wozu er Lust hatte, zum Beispiel Freunde besuchen, zum Training gehen oder zum Musikunterricht. Und in den Ferien konnte man an tolle Orte fahren und später den anderen davon erzählen. Aber dieses Jahr? 

„Wisst ihr“, sagt Max, „mir ist es egal, dass ich ständig die Hände waschen oder in die Armbeuge oder in ein Taschentuch niesen soll. Mir ist sogar egal, dass ich das Taschentuch danach wegwerfen muss, statt es wie früher in die Hosentasche zu stecken, um es den Rest der Woche noch zu benutzen. Aber dass wir nur noch so wenig machen dürfen, das finde ich echt blöd.“ 

Die Schüler schauen Max mit großen Augen an. 

„Du hast dein Taschentuch eine ganze Woche lang benutzt?“, möchte Azra von ihm wissen. 

„Klar, warum nicht?“ Max zuckt mit den Schultern. 

Ich verrate euch, wie es auf dem Schulhof weitergeht, damit ihr euch nicht länger vorstellen müsst, wie Max’ Taschentuch nach einer Woche aussah. 

Lukas, den Max’ Taschentücher überhaupt nicht stören, meldet sich zu Wort. „Mein Vater sagt, dass wir dieses Jahr Astronauten spielen. Die können nämlich auch monatelang nicht raus, wenn sie im All sind.“ 

Max verzieht das Gesicht. „Ich will überhaupt nicht ins All. Ich will viel lieber irgendwo hinfahren, wo es schön ist.“ 

„Ich auch“, stimmt Azra ihm zu. „Wir können nicht einmal unsere Verwandten besuchen. Und dort ist es immer am allerschönsten.“ 

Die anderen nicken. 

„Ich glaube fast“, sagt Nele, „dass jemand Europa und die Welt geklaut hat, während wir auf unseren Zimmern gesessen und uns gelangweilt haben. Überlegt mal, vielleicht gibt es die tollen Orte, an denen wir waren, gar nicht mehr.“ 

Die Schüler schauen sich an: Könnte es wirklich sein, dass jemand in den letzten Monaten Europa und die Welt geklaut hat und dass es einfach noch niemandem aufgefallen ist? Oh je … 

„Wir müssen uns die Orte zurückholen!“, ruft Carlotta. 

„Richtig!“, stimmt Azra ihr zu. Denn die Klasse 4A ist nicht bereit, das auf sich sitzen zu lassen. 

Auch Lukas ist dieser Meinung. „Wir haben eine Mission“, sagt er. „AOK!“

„AOK?“ Max zieht die Stirn kraus. „Sollen wir jetzt etwa auch alle Orte klauen? Bekommen wir dann nicht Ärger mit unseren Eltern?“ 

„Quatsch! Wir klauen nicht die Orte, wir retten sie“, erklärt ihm Lukas. „Und jeder von uns muss mitmachen. Alle oder keiner! Zusammen holen wir uns Europa und die Welt zurück.“ 

Die Schüler sind begeistert von der Mission. Jeder von ihnen verspricht, mitzumachen. Da wäre nur ein klitzekleines Problem … 

Nele hebt den Zeigefinger, so wie vorhin im Matheunterricht. „Ich hätte eine Frage: Wie genau wollen wir uns denn Europa und die Welt zurückholen?“ 

Hmm … Das ist eine sehr gute Frage. 

Darüber müssen die Schüler erst einmal nachdenken.

*

Mal sehen, was unseren Schülern einfällt. 

Carlotta ist die Erste, die eine Idee hat.
„Jeder von uns beschreibt den Ort, an dem er am liebsten ist. So können wir uns alle Orte zurückholen!“
Die Idee gefällt mir. Wenn man sich nämlich eine Sache ganz fest vorstellt, dann ist es fast so, als ob sie da wäre. Ich bin gespannt, welche Orte unsere Schüler auf ihrer Mission zurückholen werden. 

„Ich fange an!“ Nele stellt sich vor die Gruppe. Steif wie ein Brett geht sie von links nach rechts und wieder nach links, um dann doch wieder nach rechts zu gehen. 

Alle schauen sie ratlos an. Ich übrigens auch.
„Bist du ein Zombie?“, fragt einer der Schüler.
„Nein.“ Nele seufzt. „Ich bin kein Zombie, sondern eine Mumie.“ Sie formt mit den Händen ein Dreieck über ihrem Kopf. „Und das ist mein Zuhause.“ 

„Dann weiß ich, wo du bist“, ruft jemand. 

„Warte, ich bin doch noch gar nicht fertig.“ Nele malt jetzt mit der Hand etwas in die Luft, das wie zwei Berge aussieht. 

Bis eben dachte ich eigentlich, dass sie in Ägypten ist. Ihr auch? Wegen der Mumie und der Pyramide und so. Aber die Berge? Die passen doch eher zu den Alpen oder liege ich da falsch? 

„Sind das Verkehrshütchen?“, fragt Carlotta. 

Nele rollt mit den Augen.
„Nein, ihr müsst genau hinsehen. Das ist ein Tier.“

Lukas schlägt sich mit der Hand gegen die Stirn. „Klar, ein Kamel!“, ruft er.

Also doch Ägypten.
Die Mission unserer Schüler geht weiter.
Lukas ist der Nächste, der seinen Lieblingsort vorstellt. „Bonjour“, sagt er und schaut in die Runde.
Sofort ruft jemand: „Wir haben Frankreich gerettet!“
Aber Lukas schüttelt den Kopf. „Nicht Frankreich, ich bin an einem bestimmten Ort.“ Er malt mit den Händen einen Turm in die Luft.

„Ist das der Eiffelturm?“, fragt Azra. „Den kenne ich, da war ich schon mal mit meinen Eltern. Der steht in Paris.“

„Mein Lieblingsort ist aber nicht Paris …“ Lukas läuft vor der Gruppe auf und ab und hält sich die Hände an die Stirn.

„Ich weiß es! Du bist im Disneyland Paris!“, ruft Max.

Ach so, das waren Mickey-Mouse-Ohren! Hut ab, dass Max so schnell darauf gekommen ist. Das wäre ich nicht.

Max muss übrigens nicht lange überlegen, welchen Ort er beschreiben möchte. Er streckt die Arme zu beiden Seiten aus und gleitet über den Schulhof. 

„Du sollst uns kein Flugzeug zeigen, sondern einen Ort, damit wir ihn retten können“, protestiert Nele. 

„Das tue ich doch! Ich bin gar kein Flugzeug. Ihr müsst gucken, worauf ich sitze.“ Max malt einen langen Strich in die Luft. 

Während ich noch überlege, was der Strich zu bedeuten hat, prustet Lukas los vor Lachen. „Bist du etwa in Hogwarts?“, will er von Max wissen.

Carlotta fasst sich an den Kopf. „Jetzt erzähl uns nicht, dass du dort schon mal deine Ferien verbracht hast. Das glaube ich dir nicht!“
 
Max sitzt immer noch auf seinem Besen, mit dem er durch die Luft fliegt. „Nö, das nicht“, erwidert er. „Aber ich dachte, wir sollten unsere Lieblingsorte retten.“

„Ja, schon.“ Lukas hält sich mittlerweile den Bauch vor Lachen. „Aber glaub mir, Hogwarts müssen wir nicht retten. Das schafft Harry Potter auch ohne unsere Hilfe.“

Als der nächste Schüler sich vor die anderen stellt, um seinen Lieblingsort zu beschreiben, klingelt es zum Pausenende. Die Schüler der 4A müssen zurück in den Unterricht. So ist das, wenn es klingelt, da hilft alles nichts. 

Doch Azra hat noch etwas Wichtiges zu sagen: „Ich finde, wir sollten viel mehr Orte retten.“ 

Wenn ihr mich fragt, ich bin ganz ihrer Meinung. Und was denkt ihr? 

Falls ihr derselben Meinung seid, verrate ich euch Azras Plan: 

Bis zu den Weihnachtsferien wird jeder unserer Schüler nachmittags einen anderen Ort besuchen und am nächsten Tag in der Pause davon erzählen. 

Wenn ihr jetzt wissen möchtet, wie man fremde Orte besuchen kann, während man in seinem Zimmer ist, das ist einfach: 

… mit Fantasie!

Ihr könnt euch zum Beispiel anziehen wie an eurem Lieblingsort oder so reden oder ein Bild davon malen. Oder ihr erzählt euren Eltern und Geschwistern von diesem Ort. Vielleicht möchtet ihr auch etwas basteln oder bauen? … Oder ihr schließt einfach nur die Augen und träumt von euren Lieblingsorten. 

Ihr seht, ihr habt viele Möglichkeiten, um all die schönen Orte zu euch nach Hause zu holen. Und irgendwann könnt ihr auch wieder dort hinfahren. Versprochen! 

Und bis es so weit ist, habt ihr eure Fantasie, die kann euch nämlich keiner nehmen … 

Unsere Schüler sind sich jedenfalls alle einig: Ab heute Nachmittag werden sie jeden Tag an einem anderen Ort verbringen. So lange, bis sie all ihre Lieblingsorte zurück haben. 

Denn die Schüler der Klasse 4A haben eine Mission – Europa und die Welt müssen gerettet werden. 

Ende 



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Veröffentlicht20. November 2020 von Tamara in Kategorie "Was es Neues gibt ...

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