Dezember 26 2025

Alle oder keiner

Bundesweiter Vorlesetag 2019

Motto: Sport und Bewegung

Vorlesegeschichte ab 6 Jahren

Es ist Montag Morgen. Die Schüler sitzen gähnend in ihrem Klassenraum, ihr Lehrer steht mit einem Stück Kreide an der Tafel. Die Klasse stöhnt, Montage machen einfach keinen Spaß. Gerade als der Lehrer das erste Wort anschreibt, passiert es: quietsch! Die Kreide kreischt über die Tafel, und allen stellen sich die Nackenhaare auf. Gleichzeitig klopft es an der Tür.
Sie öffnet sich, und der Direktor tritt ein. In der Hand hält er einen Brief. »Guten Morgen«, sagt er und rückt seine Brille zurecht. »Ich habe Neuigkeiten für euch: Die Michael-Ende-Schule lädt euch nächsten Monat zu einer Team Challenge ein.«
In den Gesichtern der Schüler erscheinen große Fragezeichen. Der Direktor bemerkt das und ergänzt: »Das ist ein Wettbewerb, nennt sich nur anders.«
Ah! Die Fragezeichen verschwinden.
»Es handelt sich um eine Sportveranstaltung«, fährt der Direktor fort. »Ihr werdet ein Zirkeltraining absolvieren.«
Ein Zirkeltraining? Die Klasse stöhnt zum zweiten Mal an diesem Morgen. Der Einzige, der sich freut, ist Knut. Kein Wunder, er ist ein Sportass und liebt alles, was mit Bewegung zu tun hat.
Die ersten überlegen bereits, ob man die anderen nicht einfach gewinnen lassen sollte. Der Gedanke gefällt ihnen.
Doch dann sagt der Direktor: »Solltet ihr gewinnen, dürft ihr ins Phantasialand fahren. Als Schulausflug.«

Sämtliche Münder klappen auf. Ein ganzer Tag ohne Unterricht? Und dann auch noch im Phantasialand? Die Idee, kampflos aufzugeben, ist damit vom Tisch.
»Wir zeigen’s denen!«, ruft ausgerechnet Leon, der sonst wenig Begeisterung für Sport zeigt.
Die Klasse klatscht, denn ihr Ehrgeiz ist geweckt. In Gedanken sitzen sie längst kreischend auf Winja’s Fear.

In der fünften Stunde sitzt jedoch niemand in der Achterbahn. Stattdessen steht die Klasse in der Turnhalle. Der Sportlehrer weiß natürlich längst Bescheid.
»Es gibt verschiedene Stationen«, erklärt er. »Für jede Aufgabe wird ein Schüler eingeteilt. Die Klasse, die als Erste alle Stationen schafft, gewinnt. Also: hoch mit euch. Wir starten mit dem Aufwärmen.«
Die Schüler traben los. Nach fünf Minuten keucht die Hälfte bereits und nach zehn Minuten liegen alle mit hochroten Köpfen auf dem Boden. Alle bis auf Knut. Der zieht weiter seine Runden, als wäre es nichts. Durch das Fußballtraining ist er in Topform, ein Ronaldo sozusagen.
Die ersten fangen an zu zweifeln, ob sie das wirklich schaffen können. Andererseits: Vielleicht könnte Knut einfach alle Aufgaben übernehmen?
Ein ausgezeichneter Plan. Kurzzeitig keimt neue Hoffnung auf.
Die hält genau bis zu dem Moment, in dem der Sportlehrer den Plan durchschaut: »Das ist ein Teamwettbewerb, kein Knut-Wettbewerb. Hier gilt: alle oder keiner!«
Oje. Die Klasse steckt in der Patsche. Wird Winja’s Fear am Ende ohne sie abfahren?

Nach dem Sportunterricht ist allen klar, so geht es nicht weiter. Ein Plan muss her. Am besten gleich drei: ein Trainingsplan, ein Ernährungsplan und ein Fluchtplan. Nur für den Notfall. Schließlich sollte man auf alles vorbereitet sein.
Falls sie verlieren, würden sie die Schule verlassen. Oder die Stadt. Oder gleich den ganzen Planeten.
Gesagt, getan. Die Schüler setzen sich zusammen und schmieden die besagten Pläne. Als sie fertig sind, rauchen ihnen die Köpfe.
Auf dem ersten Zettel stehen Sportübungen, die ab sofort täglich geübt werden sollen.
Auf dem zweiten stehen gesunde Lebensmittel. Und auf dem dritten steht in großen Buchstaben: STRENG GEHEIM!
Jeder verspricht, sich bis zum großen Tag an den Trainings- und Ernährungsplan zu halten. Wie hatte der Sportlehrer gesagt? Alle oder keiner.
Den Fluchtplan stecken sie ganz unten in ihre Rucksäcke. Denn sie hoffen, dass sie ihn nie brauchen werden.

In den nächsten Tagen läuft alles nach Plan. Zum Frühstück gibt es Müsli mit Früchten, in der Pause Obst und Gemüsesticks. Nachmittags treffen sie sich zum Training. Sie machen Liegestütze, Seilspringen und Hampelmänner. Täglich bei jedem Wetter. An manchen Tagen tun ihnen die Muskeln hinterher weh, aber das ist okay. Sie haben nämlich ein Ziel vor Augen: das Phantasialand.

Dann ist es so weit, der große Tag.
In der Turnhalle stehen sich beide Klassen gegenüber und der Wettbewerb beginnt. Die Schüler laufen, kriechen durch Tunnel, fangen Bälle, hüpfen auf einem Bein und kommen dabei ordentlich ins Schwitzen. Aber sie haben mindestens genauso viel Spaß.

»Fürs Phantasialand!«, ruft Emily, während sie an der Sprossenwand hochklettert.
Die Gegner sind stark, es wird ein echtes Kopf-an-Kopf-Rennen. Aber die Klasse ist gut vorbereitet. Vielleicht kann nicht jeder schnell laufen, aber in den letzten Wochen hat jeder etwas gefunden, worin er oder sie gut ist. Einer ist geschickt, der andere kräftig, ein anderer hat ein gutes Gleichgewicht und manche sind besonders gelenkig. Und zusammen sind sie ein echtes Team.
Nur noch eine letzte Aufgabe trennt sie vom Ziel.
Leon muss zehn Purzelbäume machen. Der Schüler der anderen Klasse ist ihm dicht auf den Fersen.
»Los, Leon, du schaffst das!«, rufen die anderen.
Leon beugt die Knie, setzt die Hände auf den Boden, zieht das Kinn an und rollt los. Er purzelt, was das Zeug hält. Hinter sich hört er den anderen, während er selbst schnauft. Aber jetzt aufgeben? Keine Option.
Vor lauter Purzeln hat er vergessen zu zählen. Acht? Neun? Egal.
»Alle oder keiner!«, ruft er und rollt einfach weiter.
Dann bricht Jubel aus. Leon hat es geschafft. Die Klasse fällt sich überglücklich in die Arme.
»Das habt ihr toll gemacht«, sagt der Sportlehrer und klopft jedem auf die Schulter. »Wer hätte das gedacht.«

In der Umkleide feiern die Schüler ihren Sieg. Am nächsten Morgen werden sie direkt zum Direktor, um den Ausflug zu planen. Außerdem beschließen sie, weiterhin zweimal pro Woche zu trainieren. Wäre doch schade, die gute Form gleich wieder zu verlieren.
Und ihr Fluchtplan? Den brauchen sie nicht mehr.
Manchmal, finden sie, ist Zirkeltraining gar nicht so übel …


Und die Moral von der Geschicht?

Wer gut aufgepasst hat, kennt sie – oder etwa nicht?

Text: Tamara Robles