Jetzt wird vorgelesen!
Bundesweiter Vorlesetag 2023
Motto: Vorlesen verbindet
Vorlesegeschichte ab 8 Jahren
Es hat gerade zur ersten Stunde geklingelt, die Schüler der vierten Klasse stürmen durch die Eingangstür ins Schulgebäude. Draußen auf dem Hof wurde bis eben getobt, gelacht und es wurden Verabredungen für den Nachmittag getroffen. So macht Schule am meisten Spaß.
Dich im Klassenraum wartet schon der Lehrer und das bedeutet: Deutschunterricht. Die ersten überlegen, was in der letzten Stunde dran war. Adjektive? Oder doch Pronomen? Egal, der Lehrer wird es ihnen schon sagen.
Doch als die Schüler den Raum betreten, stockt ihnen der Atem. Vorne steht nicht nur ihr Klassenlehrer, sondern auch der Direktor.
Ui. Das kommt nicht oft vor.
Hat etwa wieder jemand auf der Toilette das Klopapier über sämtliche Kabinen verteilt? Und wie konnte der Direktor so schnell davon erfahren? Die Kinder blicken sich ratlos an, aber niemand scheint etwas zu wissen. Also setzen sich alle blitzschnell auf ihre Plätze und schauen gespannt nach vorne.
»Unsere Schule wurde herausgefordert«, beginnt der Direktor mit ernster Miene. »Zu einem Vorlesewettbewerb.«
Ein Stöhnen geht durch die Klasse.
»Ein Vorlesewettbewerb?«, ruft Tom. »Was für eine blöde Idee!«
»Total blöd«, rufen ein paar andere Schüler.
Wenn überhaupt, dann liest man seinen kleinen Geschwistern etwas vor. Und die schlafen nach fünf Minuten sowieso ein. Die gute Laune vom Schulhof ist mit einem Schlag verflogen. Doch der Direktor lässt sich nicht beirren. »Ich habe euch bereits angemeldet«, sagt er. »Ihr werdet teilnehmen. Und ich erwarte, dass ihr den Wettbewerb gewinnt.«
Oje.
Jetzt übernimmt der Lehrer das Wort: »Wir werden gemeinsam üben. Als Erstes brauchen wir eine Geschichte. Ich schlage vor, jeder nennt sein Lieblingsbuch. Dann stimmen wir ab.«
Max meldet sich. Allerdings mit einer anderen Frage: »Wann klingelt es zur Pause?«
Ihr könnt es euch vielleicht schon denken: Bis dahin ist es noch eine Weile hin.
Widerwillig machen die Schüler mit, die ersten Vorschläge trudeln ein.
»Der Grüffelo«, ruft Ceyda.
»Die Olchis«, sagt Sina.
Ben ist Fan der Wilden Hühner und Lana schlägt Das Sams vor.
Am Ende entscheiden sie sich für eine Geschichte, die alle gut finden, sie heißt: Alle oder keiner!
Und schon kann’s losgehen. Der Direktor teilt die Leseabschnitte ein, jeder bekommt ein paar Sätze. Was danach passiert, lässt sich ganz einfach beschreiben: pures Chaos.
Kaum beginnt der Erste zu lesen, wird dazwischengerufen. Einige kichern, andere schmatzen an ihrer Brotdose und wieder andere tuscheln.
Niemand versteht ein Wort.
Der Direktor sieht enttäuscht aus, der Lehrer eher blass.
Gerade will der Direktor ein paar ernste Worte sagen, da rettet sie die Schulglocke.
Puh, noch mal Glück gehabt.
Bis zur nächsten Deutschstunde ist der Vorlesewettbewerb komplett vergessen. Aber als der Lehrer die Geschichte noch einmal austeilt, kehrt die Erinnerung schlagartig zurück.
Es startet der zweite Versuch.
Jedoch weigern sich einige der Schüler zu lesen. Andere nuscheln so leise, dass nicht einmal ihr Banknachbar sie versteht. So wird das nichts.
Der Lehrer lässt seinen Blick durch die Klasse wandern. Dann sagt er nur ein Wort: »Regeln.«
Ein Raunen geht durch den Raum.
Mert verdreht die Augen: »Regeln? Fehlt nur noch, dass wir uns schick anziehen müssen!«
Der Klassenlehrer bleibt ruhig. »Erste Regel: Wenn jemand liest, hören alle zu. Zweite Regel: Jeder übt seine Sätze. Dritte Regel: Übt auch nach dem Unterricht, und zwar gemeinsam. Trefft euch auf dem Schulhof und macht ein Lese-Ritual daraus.«
Die Schüler schauen sich an. Sie wissen nicht recht, ob sie lachen oder weinen sollen. An einen Sieg glaubt ohnehin niemand.
Lukas meldet sich zu Wort: »Aber ich kann nur ganz langsam lesen. Wie sollen wir so gewinnen?«
Der Lehrer antwortet: »Es ist es egal, ob ihr schnell oder langsam lest. Ob gut oder schlecht. Ich will nur, dass ihr euer Bestes gebt. Wenn ihr dann gewinnt, umso besser. Und wenn nicht, bin ich trotzdem stolz auf euch.«
In diesem Moment ändert sich etwas. Die Schüler verstehen, dass es nicht darum geht, perfekt zu sein. Sondern sich zu trauen.
Lukas ist der Erste, der sich traut: »Alle oder keiner!« Er liest zögerlich, aber laut.
Und die anderen machen mit. Und siehe da: Mit jeder Stunde klappt es besser: Sie lernen ihre Sätze, sie hören einander zu und sie treffen sich nachmittags auf dem Schulhof zum Üben.
Und auf einmal macht Vorlesen sogar Spaß.Am Tag vor dem Wettbewerb steht der Direktor wieder in der Klasse, diesmal als Zuhörer. Die Schüler tragen ihre Geschichte vor und er ist begeistert.
Ob sie am Ende den Wettbewerb gewinnen? Das spielt plötzlich keine Rolle mehr.
Weder für den Direktor noch für den Klassenlehrer. Und für die Schüler erst recht nicht.
Text: Tamara Robles